Genießt eure Abnormität!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie Ungewöhnliches tun oder sogar eine ungewöhnliche Lebensweise haben. Mir jedenfalls fiel und fällt es manchmal durchaus schwer, zu meiner Lebensweise zu stehen, da sie nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht. Ich lebe seit Dezember 2003 Polyamorie mit einer Frau, die mit einem anderen Mann verheiratet ist (mehr dazu). Aber viele Jahre habe ich nur mit engen Freunden darüber gesprochen. An meinem Arbeitsplatz – ich verdiene mein Geld nicht mit dieser Webseite – zum Beispiel war ich sehr vorsichtig damit.

Und warum? Eben weil ich – genau wie Sie? wie Du? – von Kindheit an mit den Normen unserer Gesellschaft gefüttert worden bin, und deshalb nichts anderes erwarte, als die in unserer Gesellschaft üblichen Reaktionen. Überall in unserer Kultur wird die Regel der monogamen Beziehung festgelegt: in  geschriebenen und ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln, in religiösen Vorschriften, in Gesetzen. Sie wird verherrlicht in Romanen, Gedichten, Liedern und Filmen. Und wer davon abweicht, muss mindestens mit Ablehnung rechnen. Im Extremfall verfällt man der gesellschaftlichen Ächtung – als unterhaltsame Abnormität in Talkshows eingeladen / vorgeführt zu werden, ist auch eine Art der Ächtung – und hat Probleme. Das gilt jedenfalls meistens … außer natürlich man heißt Seehofer, und ist / war die letzte Hoffnung der CSU für einen populären Parteichef und kommt damit davon, dass man neben seiner Frau noch eine Geliebte hat(te), mit ihr Nachwuchs zeugte, aber sich eben irgendwie durchmogelt und Parteichef der angeblich so konservativ-christlich-katholischen CSU wird. Eines der verlogensten Politschauspiele der letzten Jahre. Wären Herr Seehofer und die CSU ehrlich, müssten sie Polyamorie und Polygamie in das Parteiprogramm der CSU aufnehmen. Und stellen Sie sich einfach mal ganz kurz vor, wie viel weniger problematisch und weniger schmerzhaft für alle Beteiligten die Geschichte mit Herrn Seehofers Geliebter in einer Gesellschaft gewesen wäre, die Polyamorie oder sogar Polygamie akzeptiert.

Ungewöhnliche, von der Norm abweichende Lebenswege zu wählen und dazu zu stehen, ist immer noch schwierig, trotz aller Toleranz – die oftmals nicht mehr ist als desinteressierte Gleichgültigkeit – der meisten westlichen Gesellschaften. Heute haben wir in Deutschland homosexuelle Menschen in Spitzenpositonen unserer Gesellschaft. Erinnert sich noch jemand, dass bis in die 1970er Jahre in Deutschland homosexuelle Handlungen strafbar waren, und wie lange es gedauert hat (1990er Jahre und erstes Jahrzehnt des neuen Jahrtausends), bis Politiker sich zu ihrer Homosexualität bekennen konnten bzw. sich trauten, das zu tun?

In einer ähnlichen Lage sind heute Menschen, die offen und ehrlich polyamore Lebenswege wählen oder sich gar für die Legalisierung der Polygamie einsetzen. Sie werden belächelt – „wollen ja bloß mehr vögeln“ – bemitleidet – „unrealistisch“ – oder angefeindet, wie man es derzeit vor allem in den USA und Kanada verfolgen kann. In den USA, mit ihrer so seltsamen Haltung zur Sexualität, von puritanischer Engstirnigkeit und Engherzigkeit bis zum pornographischen Exzess, lösen gerade in unserer Zeit Debatten über Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen (same-sex-marriage) Horrovisionen über einen angeblichen „slippery slope“ (glitschigen Abhang) aus. Dieser führt angeblich nicht nur zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen, sondern auch gleich zur Legalisierung der Polygamie und dazu, dass die Leute Ziegenböcke heiraten (und vögeln; sagt bloß keiner).

Oft trifft man bei den Gegnern der Polyamorie / Polygamie auf eine erstaunliche Mixtur von teils sinnvollen Argumenten, größerenteils aber von Vorurteilen und Ideologien (Religion, radikaler Feminismus). Hier sind Menschen am Werk, die aus verschiedensten Motivationen heraus alle Menschen in enge Regelwerke pressen wollen, wie Menschen zu sein haben. So sehr ich versuche, Respekt für alle Menschen und ihre Motive zu haben, aber meiner Meinung nach ist das eine Form von Unmenschlichkeit, von Menschenverachtung.

Wer wird sich denn in einem solchen Umfeld trauen, zu seiner ungewöhnlichen – oft genug als abweichend, anomal, abnorm disqualifzierten – Lebensweise zu stehen?

Kein Mensch ist wie der andere, selbst jene, die ganz üblichen Lebensweisen folgen, haben doch unterschiedliche Sichtweisen, Empfindungen, und verhalten sich ganz unterschiedlich. In diesem Sinne ist jede und jeder zumindest ein wenig ungewöhnlich. Und oft genug, verbergen wir das, oder zeigen es doch zumindest nur wenigen Menschen, meist aus Angst, abgelehnt, zurückgewiesen, verletzt zu werden.

Viele von uns – wir alle? ich auf jeden Fall immer wieder – wünschen uns, von anderen akzeptiert, anerkannt zu werden. Oft genug gelingt uns das durch Anpassung, und das ist nicht immer falsch. Wer Teil einer Gemeinschaft sein will, muss sich an ihre Regeln halten. Aber wenn die Regeln so eng sind, dass Menschen, die niemand Schaden zufügen, nicht sein dürfen, wie sie sind, dann stimmt etwas mit diesen Regeln nicht.

Und deswegen bin ich so ein Fan der Menschenrechte. Denn meiner Meinung nach ist das Großartige, von Respekt vor jedem Individuum, von Warmherzigkeit und einem weiten Denkhoriozont geleitete Grundprinzip der Menschenrechte das Vertrauen, dass Menschen selbständig fähig sind,  sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Sie sind fähig, zu erkennen, was – unter Anerkennung der Rechte jedes Menschen – gut für sie ist, wenn sie gelernt haben, sich zu informieren und Informationen selbständig zu bewerten – statt den Vorgaben irgendwelcher „Autoritäten“ zu folgen (letzteres schließt mich ein, auch wenn ich weit vom Status einer Autorität entfernt bin). Der Kern der Menschenrechte ist – meiner Meinung nach – die Anerkennung des Rechts eines jeden Menschen, hier in dieser Welt so zu sein, wie er / sie ist, und so zu leben, wie er / sie will, solange er / sie anderen Menschen keinen Schaden zufügt.

Um das nun auf Polyamorie / Polygamie anzuwenden: wo ist der Schaden, wenn jemand mehr als einen Menschen liebt? Die meisten von uns empfinden dies nur als Schaden, weil wir glauben, etwas zu verlieren, wenn der von uns geliebte Mensch weitere Menschen liebt und mit ihnen sexuelle Beziehungen hat. Ich bin keineswegs frei von solchen Gefühlen, denn ich bin genauso beeinflusst von unseren gemeinschaftlichen Normen wie jede und jeder andere. Aber stellen Sie sich einfach mal vor, dass Sie in einer Gesellschaft aufgewachsen wären, die anders als wir die Liebe zu mehreren Menschen nicht als Bedrohung ansieht, die anders als wir den Sex mit mehreren Menschen nicht als Bedrohung ansieht. Diese Gesellschaft denkt anders als wir nicht, dass Liebe einen Anspruch auf die andere ausschließende Liebe des anderen Menschen zu uns, also einen Besitzanspruch begründet. Lehnen Sie sich einen Moment zurück, und fragen Sie sich, welches Recht Sie haben, Ihre Liebe zu einem anderen Menschen und ihr sexuelles Begehren für diesen Menschen zu einer Verpflichtung dieses anderen Menschen Ihnen gegenüber umzudeuten. Das ist schlichtweg falsch!

Natürlich, wenn dieser Mensch von sich aus eine Verpflichtung sich selbst und Ihnen gegenüber eingeht, ist das etwas anderes. Aber wie viele von uns gehen diese in unseren westlichen – und vielen anderen – Gesellschaften übliche Verpflichtung eigentlich freiwillig, also aufgrund einer wirklich freien Entscheidung ein? Vielleicht irre ich mich, aber ich bin überzeugt, die meisten von uns folgen einfach völlig unreflektiert den gesellschaftlichen Vorgaben, die uns nicht nur von Kindesbeinen, sondern von den Windeln an eingeimpft werden.

Ich will mit diesem Artíkel und meinen Ansichten keineswegs Menschen angreifen, die Lebenswegen folgen, die in unseren Gesellschaften üblich sind. Für viele Menschen ist der monogame Weg genau der richtige, doch selbst wenn es sie überrascht, auch sie sollten an der Legalisierung der Polygamie interessiert sein. Ich will einzig und allein erreichen, dass unsere Gesellschaft in Deutschland – und EU-Europa, denn dessen Bürger bin ich auch; und in anderen Ländern, wenn deren Bürger es wollen – anerkennt, dass es viele richtige, anerkennenswerte und unterstützenswerte Wege gibt, Liebe, Sexualität und Familie zu leben.

Geben wir uns allen das Recht – solange wir anderen Menschen keinen Schaden zufügen – das Recht, so zu sein, zu leben und zu lieben, wie wir sind. Genießen wir – jede und jeder von uns – unsere Abnormität!

Notice: This article can also be found in a translated english version on my english-language website viktor-leberecht.com. How i do my translations.
Besuchen Sie auch meine Webseite Polygamie-ist-gut-fuer-Sie.de, die sich speziell den Vorzügen von Mehrfachbeziehungen (Polygamie / Polyamorie) für Frauen und Männer, Hetero-, Homo- und Bisexuelle, Familien und die Gesellschaft widmet.

Über Viktor Leberecht 134 Artikel
Viktor Leberecht ist mein Pseudonym für meine Arbeit als freier Autor. Ich bin studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Ich lebe seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau. Ich schreibe über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Ich setze mich für Mehrfachbeziehungen im Rahmen der Menschenrechte ein, also natürlich gleiches Recht für alle.

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  1. Enjoy your abnormality! » Viktor-Leberecht.com

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