Thesen zu Polygamie und Monogamie – These 1

 

These 1: Jeder erwachsene Mensch muss frei sein – ohne staatlichen, gesellschaftlichen, religiösen oder sonstigen Zwang – die ihm gemäße Liebes-, Ehe- und Familienform zu wählen, vorausgesetzt dass er damit anderen Menschen keinen Schaden zufügt.

Mit dieser These weiche ich vom derzeit noch geltenden besonderen Schutz der monogamen heterosexuellen Ehe ab, wie er in Art. 6 Abs. 1 GG und durch Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts festgelegt ist (gut erläutert in diesem Artikel auf Wikipedia), was sich im BGB § 1306 niederschlägt (der gesamte Abschnitt zum Familienrecht). Hauptbegründung für diese Bevorzugung ist, dass diese Art Ehe die Vorstufe der Familie sei, definiert als eine Ehe, aus der Nachwuchs hervorgeht, oder genau genommen, bereits hervorgegangen ist.

Zuerst muss dazu gesagt werden, dass auch polygame Ehen – zumindest zwischen Männern und Frauen – oft auf Vermehrung ausgerichtet sind; sie qualifizieren sich also in jedem Fall für den besonderen Schutz, da sie Vorstufe einer Familie sein können.

Vor allem aber gibt es meiner Meinung nach keinen Grund mehr, die letztlich auf christlichen Wertvorstellungen beruhende Bevorzugung monogamer und heterosexueller Ehen und Familien in Deutschland fortzuführen. Wir sind kein christlicher Staat, sondern haben eine ebenfalls im Grundgesetz festgelegte Trennung von Staat und Kirche. Also können christliche Vorstellungen, wie Ehe und Familie zu gestalten seien, nicht zur Regel für alle gemacht werden.

Dies gilt umso mehr, weil wir unsere Gesellschaftsordnung auf den Menschenrechten mit dem dazu gehörenden Schutz des Privaten, der Trennung von Staat und Kirche und der Religionsfreiheit, die auch Freiheit von religiöser Bevormundung beinhaltet, begründet haben. Dazu passt es nicht, wenn die Vorstellungen einer bestimmten Religion zur Regel für alle gemacht und dafür in so tiefgreifender Weise in den Bereich des Privaten eingegriffen wird.

Die Gestaltung des Familienlebens ist Privatsache, und es ist falsch, wenn Staaten ihren Bürgern nur ein eng definiertes Spektrum an Möglichkeiten des familiären Zusammenlebens gestatten, solange niemand Schaden zugefügt wird. Am besten formuliert hat es der US-Rechtsprofessor und Anwalt Jonathan Turley: “There is no spectrum of private consensual relations – there is just a right of privacy that protects all people so long as they do not harm others.” 1 Diese Rechtsauffassung wurde durch das Urteil des US-Bundesrichters Waddoups im sogenannten Sister Wives Prozess, Brown vs Buhman, am 13.12.2013 untermauert. 2

Nicht zuletzt sei daran erinnert, dass die Vorstellungen, was im Bereich Sexualität, Ehe, Familie möglich und mit der Gesellschaftsordnung vereinbar ist, sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert haben. Wiederum sehr gut erläutert bei Wikipedia, wo im Artikel Familie auch polyamore Familien gelistet werden. Wenn wir Homosexualität entkriminalisieren und enttabuisieren konnten, so dass Lesben und Schwule sich heute offen zeigen und sogar höchste Ämter bekleiden können, warum sollte das mit freiwillig und wissentlich eingegangener Polygamie nicht möglich sein?

Welcher Schaden sollte daraus entstehen? Keiner!

In 2012 zeigte eine Studie von Ökonomen, dass Polygamie mit Demokratie vereinbar sei. In der August/September 2013 Ausgabe von Reason stellt die Autorin Shikha Dalmia anhand diverser Beispiele dar, warum Konservative falsch liegen, wenn sie immer wieder den Untergang der Moral und den darauf unweigerlich folgenden Zerfall der Gesellschaft propagieren, sollte eine weitere Freiheit gewährt werden, siehe Polygamie wird eine von vielen Lebensformen sein (Reason, August/September 2013).

Ich argumentiere in dem Artikel Evidenzbasierte Politik müsste Polygamie legalisieren, dass Politik – wäre sie denn evidenzbasiert – realisieren müsste, dass die monogame Ehe als einzige und per Zwang durchgesetze Institution als Muster für dauerhafte Beziehungen für die meisten Menschen nicht funktioniert und durch andere Möglichkeiten ergänzt werden muß.

Weitere, modernere, unserer heutigen Lebenswirklichkeit in Deutschland besser entsprechende und meiner Meinung nach auch humanere Vorstellungen zu Definitionen von Ehe und Familie finden Sie in zahlreichen der Artikel, die ich auf Polygamie-ist-gut-für-Sie.de veröffentliche bzw. zitiere und den Büchern, die ich dort vorstelle. Darunter empfehle ich besonders:

Polygamie ist gut, in dem ich eine Menge Vorurteile über Polygamie ausräume.

Liest Familienministerin Schröder Viktor Leberecht?

Lasst doch einfach mehr als zwei Menschen heiraten (Jean Hannah Edelstein, Guardian, August 2012)

Polygamie wird eine von vielen Lebensformen sein (Reason, August/September 2013)

 

Dies ist These 1 der Thesen zu Polygamie und Monogamie von Viktor Leberecht. Hier geht es weiter zur nächsten These.

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Stand vom: Sonntag, 15 Dezember, 2013 um 16:09 © Viktor Leberecht. Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved. Sie dürfen diese Seite gerne republizieren, aber geben Sie bitte die Quelle mit Link zum Originalbeitrag an, was beim "Teilen" über Social Sharing-Services automatisch passiert.

 

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Besuchen Sie auch meine Webseite Polygamie-ist-gut-fuer-Sie.de, die sich speziell den Vorzügen von Mehrfachbeziehungen (Polygamie / Polyamorie) für Frauen und Männer, Hetero-, Homo- und Bisexuelle, Familien und die Gesellschaft widmet.

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  7 Responses to “Thesen zu Polygamie und Monogamie – These 1”

  1. [...] einfachen Satz, den Sie auch in meinen Thesen zu Polygamie und Monogamie und dort speziell in These 1 finden, ist das Grundprinzip erläutert, weshalb es falsch ist, wenn Staaten ihren Bürgern nur ein [...]

  2. Aktualisiert mit Verweis auf das aktuelle Urteil im Prozess um Mehrfachbeziehungen in Utah, Brown vs Buhman, bekannt als Sister Wives Prozess um Kody Brown.

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