Aug 182013
 

Verfechter der Monogamie stellen sie oft als die einzig natürliche Lebensweise des Menschen dar, während die Polygamie besonders von religiösen Propagandisten der Monogamie gerne als widernatürlich bezeichnet wird. Über Jahrhunderte haben die Verteidiger der Monogamie sich dabei nicht nur auf die Bibel, sondern auch auf die angeblich überall im Tierreich vorkommende Monogamie und das angebliche Vorherrschen der Monogamie bei Menschen gestützt. Im Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre kann man jedoch fragen: ist nicht etwa die Polygamie, sondern die Monogamie widernatürlich?

Ist Monogamie christlich?

Die schärfsten Verfechter der Monogamie sind ohne Zweifel religiös motivierte Christen. Sie stützen sich auf ihr Verständnis der Bibel und der christlichen Lehre. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass es immer wieder auch Strömungen im Christentum gab und bis heute gibt, die Polygamie als eine mögliche Form der Ehe sehen.

Was verstehen Priester von der Ehe und von Sex?

Persönlich frage ich mich speziell bei den katholischen Christen immer wieder, wie eine Priesterkaste, die das Ehe- und Sexlose Leben als Ideal ansieht, es eigentlich wagen kann, den Menschen, die ein Leben mit Ehe und Sex führen wollen, dafür Vorschriften machen zu wollen. Und umgekehrt, wieso Menschen, die kein priesterartiges Leben führen wollen auf die Idee kommen, einen zölibatär lebenden Priester um Rat für ihr Ehe- und Sexualleben  zu fragen.

Wenn Menschen Rat für eine Frage des praktischen Lebens wie Ehe und Sex suchen, fragen sie üblicherweise jemand, der praktische Erfahrung hat, und keinen Theoretiker. Wer könnte also ungeeigneter sein, in Fragen des Ehe- und Sexuallebens Auskunft zu geben, als eine Gruppe von Menschen, die zumindest der Theorie nach zölibatär leben und dies als Ideal ansehen? Was könnten die davon verstehen? Eben, gar nichts.

Die Bibel ist die letzte und einzige Bastion der Monogamie

Natürlich würden die Christen und alle religiös eingestellten Menschen einwenden, dass die Priester göttlich vermittelte Autorität haben und diese Voschriften sich auf die Bibel stützen. Fein, das können sie natürlich glauben. Ich halte es für Unsinn, sich an Vorschriften aus einem über zweitausend Jahre alten Buch zu halten, das zum größten  Teil aus gefälschten Dokumenten besteht. 1 Aber bitte, Ihre Sache.

Wieso allerdings diese Vorschrifen für alle Nicht-Religiösen auch gelten sollen, lässt sich in einer modernen Gesellschaft, die sich nicht auf Religion, sondern auf die Menschenrechte als ihr Fundament beruft, nicht begründen.

Sexuelle Monogamie? Vielleicht bei der madagassischen Riesen-Spring-Ratte.

Die Religiösen haben inzwischen tatsächlich nur noch ihre Religion als Begründung für Monogamie. All die lange gepflegten  und militant verbreiteten Behauptungen, dass Monogamie überall im Tierreich und bei den Menschen vorherrschend sei, sind durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre widerlegt worden.

Sexuelle Monogamie ist tatsächlich die ganz große Ausnahme. Genetische Untersuchungen haben bewiesen, dass sexuelle Monogamie im Tierreich so gut wie gar nicht vorkommt. Als einer der ersten sammelte Professor David Barash die Erkenntisse zur sexuellen Untreue bei Tieren und Menschen in seinem 2001 veröffentlichten Buch The Myth of Monogamy: Fidelity and Infidelity in Animals and People. Wie Barash es ausdrückte, müssen man, um Monogamie zu finden, in den Ecken und Winkeln des Tierreichs suchen, wie beispielsweise bei der madagassischen Riesen-Spring-Ratte.

Anthropologen sagen, dass nur eine unter sechs menschlichen Gesellschaften Monogamie zur Regel mache. Und auch in den offiziell monogamen Gesellschaften kommt sie tatsächlich kaum vor, und wenn dann nur wegen gesellschaftlichem Druck, wie letztens Conley darlegte.

Folgte man, basierend auf diesen Ergebnissen, den Argumentationsmethoden mancher Monogamie-Verfechter, könnte man durchaus fragen, ob sexuelle Monogamie widernatürlich ist.

Von der „natürlichen“ Monogamie bleibt nur die soziale Monogamie

Kürzlich erregten zwei Untersuchungen zur Monogamie bei Säugetieren und Primaten großes Aufsehen. Nach der Berichterstattung mancher Medien konnte man annehmen, dass die Idee der Monogamie nun doch wieder „gerettet“ sei, da angeblich viele Tierarten sie praktizierten.

Hatte man jedoch das Glück, einen der gründlicheren Berichte zu lesen, stellte man schnell fest, dass zum einen die beiden Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen, und zum anderen es gar nicht um sexuelle Monogamie ging, sondern um soziale Monogamie. Das heißt, ein Paar bleibt für einen längeren Zeitraum zusammen und zieht gemeinsam Kinder auf. Das Paar weiß aber nicht, ob es sich um gemeinsame Kinder handelt, denn beide Partner haben auch Sex mit anderen Partnern, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Das ist alles, was von der Monogamie übrig bleibt. Eine interessante Bedeutungsänderung.

Die Erde ist der Mittelpunkt des Universums, nicht wahr?

Mich erinnert das daran, wie wir Menschen einst dachten, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums und der Mensch die Krone und letztlich einzige Zweck der Schöpfung. Geozentrik und Anthropozentrik. Dann lernten wir nach und nach, dass die Erde nicht Mittelpunkt des Universums ist. Aber noch bis vor wenigen Jahren konnte man Artikel lesen, in denen daran festgehalten wurde, dass es außerhalb des Sonnensystems keine Planeten geben könne, und als auch das nicht mehr haltbar war, dass wir der einzige bewohnbare Planet seien. Dieser geozentrische und anthropozentrische „Irrglaube“ wird durch das Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnis immer mehr demontiert.

Vielleicht kommen in ähnlicher Weise die oben knapp dargestellten wissenschaftlichen Erkenntnisse über Monogamie und Polygamie ja irgendwann auch mal im Bewusstsein der Mehrheit und sogar bei den Verfechtern der Monogamie an.

Widernatürlich, weil wir es so definieren?

In einer der wichtigsten und aufsehenerregendsten Auseinandersetzungen um Polygamie der letzten Jahre wurde Polygamie ebenfalls als widernatürlich bezeichnet, geschickterweise bewusst ohne religiösen Bezug. Bei dem Prozeß um Polygamie praktizierende Mormonen in Kanada argumentierte John Witte Jr., Professor der Jurisprudenz in Atlanta, Polygamie sei seit Jahrtausenden von Menschen als unnatürlich angesehen worden. Dabei führte er wie üblich auch ins Feld, Polygamie sei für Frauen und Kinder schlecht, während Monogamie sie schütze.

Eine geschickte Argumentation, denn sie behauptet nicht einfach, dass Polygamie unnatürlich sei, was nicht beweisbar ist, sondern dass Menschen sie als unnatürlich angesehen hätten. Stichhaltig ist aber auch diese Argumentation nicht, denn was wir Menschen so über die Jahrzehntausende unserer Existenz und in den verschiedenen Kulturen als natürlich und unnatürlich angesehen haben, ist beinahe unendlich verschieden und ständigem Wandel unterworfen.

Wie oben erwähnt, macht nur eine unter sechs menschlichen Kulturen Monogamie zur Regel. Lesen sie beispielsweise mal diesen Artikel über Tibetaner. Die halten Monogamie für falsch und denken, Polygamie sei besser, weil sie für stärkere Familienbande und eine bessere Versorgung der Frauen und Kinder sorgt.

Einfach zu behaupten, Polygamie sei schlecht, dies einfach so zu definieren ohne jedwede wissenschaftliche Begründung, kann unmöglich eine Basis sein, um Polygamie als Lebensform abzulehnen oder gar zu verbieten.

Widernatürlich? Was für ein Unsinn

Auch wenn ich diesen Artikel bewusst provozierend betitelt habe, so werden Sie von mir nicht im Ernst den Satz hören, Monogamie sei widernatürlich. Das Wort „widernatürlich“ hat den einzigen Zweck, Menschen und ihre Lebensweisen zu diskriminieren. Dazu wird behauptet, eine bestimmte Verhaltensweise sei „natürlich“ und jede andere deshalb „wider die Natur“, „widernatürlich“.

Zum einen ist diese Art Argumentation diskriminierend und ausgrenzend. Das ist dem friedlichen Zusammenleben von Menschen nicht förderlich und widerspricht den Prinzipien der Menschenrechte.

Zum anderen ist es bei einer so mannigfaltigen und ständig sich wandelnden „Sache“ wie der Natur schwer zu sagen, was natürlich ist. Dazu müßte man ein bestimmtes Entwicklungsstadium einfrieren und dieses als das einzige und für alle Zeiten richtige erklären.

Nehmen wir menschliche Verhaltensweisen, so galt es beispielsweise zu Zeiten der Ritter auch in „besten Kreisen“ noch als normal, seine Notdurft direkt bei Tische, nämlich in das überall auf dem Boden liegende Stroh zu verrichten. Sich dafür vom Tisch zu erheben und in eine Ecke des Raumes zu verziehen, war einige Zeit später dann schon „hohe Schule“. War das nun natürlich oder unnatürlich?

Wie oben dargestellt, scheint es bei uns Menschen so zu sein, dass unsere Lebensweisen, gerade im Bereich von Sexualität und Familienleben, von unserer Lebenssituation und den sich daraus ergebenden sozialen Umständen geformt werden. Hier von „natürlich“ und „unnatürlich“ zu sprechen, macht daher wenig Sinn.

Sinnvoller und dem Prinzip der Menschenrechte – meiner Meinung nach auch der christlichen Nächstenliebe – besser entsprechend scheint es mir, Menschen so leben zu lassen, wie sie leben wollen. Einzige Bedingung, dass sie es freiwillig tun und niemand damit Schaden zufügen. Mehr Vorschriften braucht es nicht, und ganz sicher keinen Zwang. Möge doch bitte jede und jeder selbst bestimmen dürfen, wie er oder sie Sexualität und Familie leben will. Gebt uns Ehfreiheit.

Lesen Sie mehr dazu in meinen Thesen zu Polygamie und Monogamie

 

Show 1 footnote

  1. Wie die Bibeltexte entstanden, gefälscht und zusammengestellt wurden, ist gut dargestellt bei Georges Minois. Geschichte der Zukunft., oder neuerdings bei Peter Watson Ideen: Eine Kulturgeschichte von der Entdeckung des Feuers bis zur Moderne.
 18. August 2013  Posted by  Polygamie  Add comments

  4 Responses to “Vielleicht ist Monogamie widernatürlich”

 Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Erforderlich

Wird nicht gezeigt! Erforderlich zur SPAM-Vermeidung!

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.