Aug 212011
 

Die Zahl der in polyamoren Beziehungen lebenden Menschen in Deutschland ist nicht genau bekannt. Sind es 600 oder 6.000, wie am 20.08.2011 die B.Z. schrieb? Oder 10.000, wie die Webseite Polyamorie.de schätzt? „Offizielle“ Zahlen gibt es natürlich nicht, aber irgendwo in diesen Größenordnungen wird es wohl liegen, wenn man sich an die übliche Definition von Polyamorie hält, dass es sich um Menschen handelt, die offen und ehrlich mehrere Beziehungen gleichzeitig unterhalten.

Definiert man etwas weniger streng, dann geht die Zahl in die Millionen. Es sind all die Millionen Menschen in Deutschland, die fremdgehen. Genaue Statistiken gibt es nicht, auf verschiedenen Webseiten und in Büchern finden sich Zahlen von 30% bis über 60%; in der Fußnote finden Sie einige Links als Beispiel 1. Auch die Fremdgeherinnen und Fremdgeher unterhalten, sofern es keine one-night-stands sind, mehrere Beziehungen gleichzeitig. Der einzige Unterschied zu den Polyamoren: sie machen es nicht offen und ehrlich.

Letzterer Hinweis ist von mir nicht als Angriff oder Vorwurf gegenüber all den Fremdgeherinnen und Fremdgehern gemeint. Ich finde es einfach schade, dass bei einem offensichtlich so allgemein üblichen Verhalten – Sex mit verschiedenen Partnern -, wir einander so viel vorlügen und einander so oft tief verletzen. Unehrlichkeit über sexuelle und emotionale Bedürfnisse in der Ehe, insbesondere zu Wünschen nach Sex mit anderen, ist in Deutschland und den westlichen Gesellschaften leider der seit Jahrhunderten geltende Standard.

Schauen wir uns die Situation doch einmal anders an, als sie üblicherweise betrachtet wird. Da sind zwei Menschen, die haben aus Liebe eine Beziehung begonnen. Aber irgendwann – oft nach vier Jahren, wenn üblicherweise das sexuelle Interesse nachlässt – geht einer (oder beide) fremd. Vielleicht liebt die/der Fremdgehende den anderen immer noch, aber …; es gibt viele Gründe, fremd zu gehen, meist die Lust auf Sex mit einem anderen Partner/in. Dann beginnt die Heimlichtuerei, das Lügen und Betrügen. Und warum? Einfach nur, weil uns seit Jahrhunderten eingetrichtert wird, sexuelle Beziehungen zu verschiedenen Partnern zur selben Zeit oder gar gleichzeitige Liebe sei nicht möglich, sei verletzend, sei Untreue, sei moralisch verwerflich und so weiter.

Es ginge anders, mit Offenheit und Ehrlichkeit. Ein möglicher Schritt dazu ist, etwas Abstand zu nehmen den Idealen lebenslanger sexueller und emotionaler Ausschließlichkeit. Ich nenne es bewußt nicht Treue, denn was hier geschieht, ist nicht Treue, sondern der Ausschluß, genau gesagt die Unterdrückung von Gefühlen für andere Menschen, außerhalb der Beziehung.

Viele Faktoren beeinflussen diese Verhaltensweisen, die ich hier nur kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit beschreibe. Da sind die verständlichen Ängste vor Verlust. Einen starken Einfluss üben die erst vor rund zweihundert Jahren mit der Romantik aufgekommenen Träume von dem einen „Seelenpartner“ aus, der alle emotionalen Bedürfnisse erfüllt. Meines Wissens hat kaum einer jener Romantiker selbst so gelebt, und viele Beziehungen brechen unter der Last dieses unrealistischen Anspruchs zusammen. Auch das alte Ideal der Minne beeinflusst uns, bei der ein Ritter eine Dame verehrt, und meist keinen Sex mit ihr hat, denn oft ist sie die Frau eines anderen. Viele der ersten Minnesänger, die Troubadoure, wußten, anders als spätere Rezipienten dieser Geschichten, übrigens noch, dass dies nur eine literarische Figur war, ohne Bezug zur Realität. Sie, wie auch ihre große Gönnerin Eleonore von Aquitanien, vögelten hemmungslos in der Gegend herum; man könnte sie mit einem modernen Ausdruck als Swinger bezeichnen. Und natürlich spielen nicht zuletzt die Verbote der christlichen Kirche eine Rolle. Diese Verbote wurden ursprünglich – und werden bis heute – aufgestellt von Leuten, die eigentlich kein besonderes Interesse am Diesseits hatten, sondern sich nach dem Weltende sehnten und Sexualität als Sünde ansahen; bestimmt gute, realitätsbezogene Ratgeber für eine so diesseitige Sache wie Liebe, Ehe und Sexualität.

Verstehen Sie mich bitte richtig. Ich bin auch in dieser Gesellschaft aufgewachsen und von all dem beeinflusst, und in meiner polyamoren Beziehung nicht frei von Verlustangst und Eifersucht. Diese Gefühle nehmen aber, wenn die Partner wie in jeder guten Beziehung an ihrem Verhältnis „arbeiten“, langsam ab, und wenn sie aufkommen, wird es einfacher, mit ihnen umzugehen, statt von ihnen beherrscht zu werden.

Ich sage auch nicht, dass Monogamie für alle Menschen falsch ist, viele Menschen sind damit zufrieden oder werden sogar glücklich, auch ein Leben lang. Aber für die Mehrzahl der Menschen scheint das nicht zu funktionieren, was angesichts unserer evolutionären Vorgeschichte kein Wunder ist; ich empfehle dazu das Buch „Sex at Dawn„. Wenn ein Lebensmodell nicht funktioniert, muss man sich fragen, wieso, statt sich vorzuwerfen, dass man Idealen nicht entspricht, die andere sich ausgedacht haben.

Sie könnten sich zum Beispiel einmal fragen, ob der erste Mensch, dem Sie treu sein müssen, nicht Sie selbst sind. Und zur Treue sich selbst gegenüber gehört, mit sich selbst ehrlich zu sein. Zur Treue einem anderen gegenüber, gehört die Ehrlichkeit natürlich ebenso. Vielleicht ist Treue sogar möglich, wenn man mehr als einen Menschen liebt, denn wieso Liebe zu einem Menschen die Liebe zu einem anderen Menschen ausschließen muss, verstehe ich nicht.

Diese Themen einmal anders zu betrachten, dazu will ich Sie mit diesem Artikel und den Informationen auf dieser Webseite anregen. Schauen Sie sich um, und gehen Sie das Wagnis ein, sich zumindest in Gedanken außerhalb der üblichen Wege zu bewegen.

 

Notice: This article can also be found in a translated english version on my english-language website viktor-leberecht.com. How i do my translations.
Besuchen Sie auch meine Webseite Polygamie-ist-gut-fuer-Sie.de, die sich speziell den Vorzügen von Mehrfachbeziehungen (Polygamie / Polyamorie) für Frauen und Männer, Hetero-, Homo- und Bisexuelle, Familien und die Gesellschaft widmet.

 21. August 2011  Posted by  Polyamorie  Add comments

  4 Responses to “Wie viele Menschen leben Polyamorie?”

  1. […] Und eine ganz andere Sichtweise, wonach es Millionen sind, habe ich im August 2011 auf meinem Blog Viktor-Leberecht.de dargestellt in dem Artikel: Wie viele Menschen leben Polyamorie? […]

  2. Sehr interessanter und gut geschriebener Artikel! Ich gebe Ihnen dahingehdend absolut recht, dass es schade (der Ausdruck ist eigentlich zu harmlos …) ist, dass so viele HEIMLICHE Parallelbeziehungen führen. Das Lügengerüst bricht irgendwann zusammen und kaputte Herzen bleiben auf der Strecke…Ich spreche aus Erfahrung und bekomme tagtäglich durch die Nutzerinnen unseres Treuetesportals für Frauen mit, was Fremdgehen und Untreue bzw. die ersten Signale, die darauf hin deuten, anrichten.

  3. Hallo,

    ansprechender Beitrag, der mein aktuelles Thema sehr berührt. Ich arbeite in meinem Blog an einer Serie mit diversen Interviews zum Thema „Polyarmorie“ – statt heimlicher Untreue in Beziehungen.

    Dazu konnte ich drei Menschen (1 Mann, 2 Frauen) gewinnen, die so leben und sehr glücklich damit sind.

    Ich persönliche habe sehr positive Erfahrungen mit Polyarmorie gesammelt – und wir können uns gerne austauschen.

    Wärst Du zu einem Interview bereit?

    Liebe Grüße aus Leipzig
    Alex

    PS: Du hast nun meine E-Mailadresse und im Blog findest Du meine Telefonnummer. Wenn Du magst … würde mich sehr freuen.

    • seit mehreren jahren ist polyamory feste richtlinie meines liebeslebens – ich führe zwei absolut unverlogene beziehungen mit 2 unglaublich fantastischen männern, die voneinander und auch von mir alles wesentliche wissen. natürlich kommen auch in dieser situationen manchmal zweifel aber nach 3 jahren entwickelte sich ein enorms vertrauen, welches uns erlaubt diese situation entspannter zu sehen. ich habe nach meiner letzten möchte-gern-monogamen beziehung beschlossen, nie wieder mich selbst aber auch andere in wesentlichen sachen zu belügen. das ist mein prinzip. ich vertraue auch grenzenlos meinem leben, dass mir die sachen und menschen begegnen, die für mich in der gegebenen lebesnlage auch notwedig, wichtg und vorteilhaft sin, damit ich weiter innerlich wachsen kann und auch meinen nächsten das beste geben kann, wozu ich in der lage bin. und so wurde ich eben mit diesen wunderbaren männern beschenkt, wovon einer für mich das opfer der änderung seiner prinzipien erbrachte (er musste lernen zu akzeptieren und zu vertrauen, dass ich trotz polyamory ihn trotzdem niemals aufhören werde zu lieben und die letzte person bin, die ihn je aus meinem leben ausschliessen würde). so biete ich meinen beiden partnern absolute sicherheit, dass sie immer meinen liebevollen umgang garantiert haben, mein volles verständniss für ihre lebensweisen und entscheidungen, unser allen unbegrenzte freiheit und in alle dem das gefühl, dass wir alle keine feinde sind sondern eher die menschen, auf die man sich zu jeder zeit in jeder lage verlassen kann. . ich bin sehr stolz auf uns alle, denn jeder von uns musste einige sachen in sich bekämpfen um in dieser konstelation entspannt zu leben, aber wir haben es geschafft und werden es weiterhin schaffen.ich habe auch ein kind welches von uns allen sehr fröhliche liebe geniesst, als wäre es unser aller kind – ich denke das ist die antwort – menschen sollten anfangen sich als eine große familie zu sehen und alle kinder als ihre eigenen kinder zu behandeln statt ständig irgendwelchen verlustängsten und besitzansprüchen zu unterliegen. lieben * respektieren * teilen* helfen* geniessen *entspannen – das sind für mich qualitäten des zwischenmenschliichen lebens.*

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