Wird „Polyamorie“ überflüssig?

polyamorie überflüssig

In einem kürzlich auf CNN veröffentlichten Meinungsartikel plädierte Janet Hardy, Mitautorin von „The Ethical Slut“ und damit eine der wichtigsten Protagonistinnen und „Erfinderinnen“ der Polyamorie für die Legalisierung von Polygamie in all ihren Formen.

Dieser Artikel war eine Reaktion auf das Urteil im Sister Wives Prozess, dass das Zusammenleben mehrerer Menschen als Mehrfachbeziehung straffrei stellte. Das Urteil betrifft vor allem auf religiösen Vorstellungen basierende Mehrfachbeziehungen, aber auch nichtreligiöse Mehrfachbeziehungen wie Polyamorie. Es könnte der erste Schritt zur Entkriminalisierung oder sogar Legalisierung von Polygamie in den USA sein.

Wird Polyamorie Mainstream?

Der Artikel von Janet Hardy löste, wie auf Polyamory in the News berichtet wurde, Diskussionen im Polyamory Leadership Network aus, dem wichtigsten Zusammenschluß von Aktivisten für Polyamorie. Dabei argumentierte Barry Smiler, dass der entscheidende Schub für die Anerkennung von Mehrfachbeziehungen vermutlich nicht aus der Polyamorie-Szene kommen werde, sondern eher aus den Szenen der Swinger, Polygamisten, Kinks und LGBT, da deren Konzepte in der Öffentlichkeit weitaus bekannter seien, als die Polyamorie. Polyamorie friste letztlich immer noch ein Schattendasein. Und das sagt Smiler für die USA, wo Polyamorie immerhin eine starke Medienpräsenz inklusive Reality-TV hat.

Smiler schloss damit an einen von ihm schon 2010 veröffentlichten Artikel an, in dem er argumentierte, dass Polyamorie bald Mainstream werde. Ganz so wie beispielsweise die einst als Randerscheinungen betrachteten und bekämpften Jazz, Vegetarismus und voreheliches Zusammenleben, die heute im Mainstream akzeptiert sind. Dann werde vielleicht sogar das Wort Polyamorie verschwinden.

Wird der Begriff Polyamorie noch benötigt?

Ich stimme dem vollkommen zu und ergänze das Argument um ein paar Betrachtungen. Wenn ich mir die Entstehung des Begriffs Polyamorie anschaue, dann ist er auch oder sogar vor allem aus dem Wunsch entstanden, sich von dem negativ besetzten Begriff Polygamie abzusetzen. Die negative Konnotation des Begriffs Polygamie besteht jedoch zu Unrecht.

Polygamie heißt nicht „ein Mann hat viele Frauen und unterdrückt diese“, sondern bezeichnet jede Art Mehrfachbeziehung, unabhängig von der geschlechtlichen Konstellation und der sexuellen Ausrichtung der Beteiligten. Und wo Frauen in polygamen Beziehungen unterdrückt werden, da liegt die Ursache üblicherweise nicht in dieser Eheform, sondern in einer generell schlechten Stellung der Frauen in der jeweiligen Gesellschaft, wo Frauen zum Beispiel auch in moogamen Ehen unterdrückt werden. Ich erläutere dies beispielsweise in dem Artikel „Polygamie ist gut„, und so beschreibt es auch Janet Hardy in dem oben genannten Artikel zur Legalisierung der Polygamie. Darüber hinaus umfasst die Begriffsdefinition von Polygamie auch nichteheliche Mehrfachbeziehungen, also auch die Polyamorie (siehe meinen Artikel „Polyamorie ist gut„).

Ich spreche mich damit nicht gegen Polyamorie aus. Vielen Menschen bedeutet der Begriff etwas, sie identifizieren sich damit, genauer gesagt mit dem dahinter stehenden Konzept. Ich selber lebe zum Zeitpunkt da ich dies schreibe seit über zehn Jahren in einer polyamoren Beziehung. Bei der Nutzung des Begriffs „Polyamorie“ hört die Einigkeit unter den Polyamoren aber auch schon auf. Was damit gemeint ist, wird unterschiedlich definiert, denn unter der Flagge Polyamorie wollen seit einiger Zeit immer mehr Menschen segeln. Es besteht beispielsweise keineswegs Einigkeit, ob eine so lustvolle Sache wie fröhlich gelebte Promiskuität ohne dauerhafte Beziehung zu den Sexualpartnern auch „poly“ ist oder nicht. Mich interessiert das allerdings weniger.

Das Kind beim Namen nennen: Polygamie

Viel wichtiger finde ich, dass mit der Veränderung der Rechtslage in den USA, wie weit immer sie auch gehen mag, die breite Öffentlichkeit hoffentlich mehr darüber erfährt, was Polygamie wirklich ist. Es besteht die Möglichkeit einer Enttabuisierung. Dann benötigen wir in jedem Fall Polyamorie nicht mehr als kaschierenden Begriff für Mehrfachbeziehungen, sondern können ohne Angst vor negativen Konnotationen jede Mehrfachbeziehung bei ihrem korrekten Namen nennen: Polygamie.

Polyamorie? Oder Polygamie? Oder wie nennen wir es?

Vielleicht aber werden wir auch beide Begriffe nutzen, Polyamorie für nichteheliche Mehrfachbeziehungen, und Polygamie für eheliche Mehrfachbeziehungen? Oder einen ganz neuen Begriff? Mir ist ehrlich gesagt ganz gleich, was draufsteht; es darf auch Schokobutterblumenkekseierkuchen heißen. Interessant ist, was drin steckt, nämlich eine von mehreren erwachsenen Menschen mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten auf Dauer angelegte Mehrfach-Beziehung, inklusive der Möglichkeit des Zusammenlebens und der gemeinsamen Erziehung von Kindern..

Solche Beziehungen sollten in unserer Gesellschaft möglich und anerkannt sein, statt wie heute noch üblich versteckt, verpönt, mißtrauisch betrachtet usw. zu werden. Mehrfachbeziehungen richten per se keinen Schaden an. Sie können im Gegenteil eine wertvolle Ergänzung zu den bei uns möglichen Formen von Zusammenleben und Familie sein. Wenn Sie wissen wollen, weshalb ich das so sehe, lesen Sie meine Thesen Monogamie und Polygamie.

 

Über Viktor Leberecht 129 Artikel
Viktor Leberecht ist mein Pseudonym für meine Arbeit als freier Autor. Ich bin studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Ich lebe seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau. Ich schreibe über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Ich setze mich für Mehrfachbeziehungen im Rahmen der Menschenrechte ein, also natürlich gleiches Recht für alle. Auf meiner Webseite "Polygamie-ist-gut-für-Sie.de (siehe den Link unter diesem Kasten) habe ich mit Stand Februar 2017 rund 500 Artikel über Polygamie und Polyamorie veröffentlicht, und es geht fast täglich weiter.

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