Herr Rösler: geben Sie uns Ehefreiheit!

Gut gesprochen haben Sie, Herr Rösler. Als neuer Partei-Chef haben Sie gesagt, für die FDP sei: „… Freiheit unser zentrales Prinzip.“ Und Freiheit heiße, dass jeder die Möglichkeit haben soll,  seinen Lebenstraum zu verwirklichen – und zwar unabhängig davon, wie er aussieht. (zitiert nach Webseite der FDP). Wunderbar, ich bin beinahe versucht, in die FDP einzutreten.

Ich schlage vor und bitte Sie darum, dass Sie als eines Ihrer Themen zur Verwirklichung von Freiheit dafür eintreten, dass wir endlich wirkliche Ehefreiheit bekommen. Die ist ein Menschenrecht und wird bisher immer nur als Freiheit von Zwang beim Eingehen einer Ehe interpretiert (siehe diese Sammlung von Erklärungen der Ehefreiheit bei humanrights.ch). Das ist gut und richtig, aber zu eng gedacht. Denn während wir zwar sicher stellen, dass niemand zur Ehe gezwungen wird, verweigern wir gleichzeitig vielen Menschen, die freiwillig und wissentlich den Bund der Ehe eingehen wollen, das Recht, dies zu tun.

Bekanntestes Beispiel ist die gleichgeschlechtliche Ehe, die bei uns als „eingetragene Lebenspartnerschaft“ oder „Homoehe“ schon von der Bezeichung her einen minderwertigen Status hat, und das, obwohl das Bundesverfassungsgericht die Gleichstellung mit der Heteroehe gefordert hat: Politiker – auch homosexuelle – bleiben Gleichstellung der „Homoehe“ schuldig. Wichtig auch für Polygamie.

Und da gibt es noch andere Menschen, die wollen gänzlich freiwillig und wissentlich Ehen eingehen. Doch jedwede Art der juristisch abgesicherten Partnerschaft, geschweige denn Ehe, wird Ihnen verweigert, nur weil diese Menschen sich tatsächlich die Freiheit nehmen und geben, mehr als einen Menschen gleichzeitig zu lieben. Ja, ich spreche von Polygamie, denn deren Legalisierung ist mein Anliegen. Viele Menschen bei uns denken – Dank jahre- und jahrzehntelanger Propaganda der Gegner – dabei immer nur an Männer, die sich einen Harem zulegen und die Frauen unterdrücken wollen. Solche gibt es, aber das als einzige Form der Polygamie darzustellen, ist schiere Propaganda und reiner Unsinn: .

Es gibt in Deutschland viele Menschen, die verschiedene Arten der Mehrfachbeziehung (Hetero, Homo, Bi- und wer-weiß-was-noch-wie sexuell) längst ohne offiziellen rechtlichen Status leben, ganz ohne Unterdrückung. Und viele von diesen Menschen würden gerne durch ein offizielles Ehegelübde vor der Gesellschaft bekunden, dass sie als Eheleute zueinander stehen wollen. Dazu kommt die rechtliche Sicherheit, die ein offizieller, in den Gesetzbüchern verankerter Beziehungsstatus in vielen Fragen gibt, zum Beispiel bei Vermögen, Erziehungsrecht, Scheidung, Rente, Erbe.

Bei all meinen Recherchen konnte ich bis heute keinen einzigen vernünftigen, im Einklang mit unseren Grundrechten stehenden Grund finden, erwachsenen Menschen, die freiwillig und wissentlich eine Ehe eingehen wollen, dieses Recht zu verweigern. Dabei ist es ganz gleich, welche Form diese Ehe hat, ob nun mono- oder polygam, ob hetero-, homo-, oder gemischt-sexuell; und vielleicht gibt es noch mehr Formen, die ich nicht kenne. Aber gleich welche Form, Menschen sollten grundsätzlich das Recht haben, jede Form der Ehe einzugehen, solange sie auf Freiwilligkeit und Gleichberechtigung beruht und weder den Beteiligten noch der Gesellschaft Schaden zufügt. Denn es gibt nicht nur keinen vernünftigen Grund für dieses Verbot, es stellt meiner Meinung nach sogar einen unzulässigen Eingriff in die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger dar: Thesen zu Polygamie und Monogamie – alle Thesen

Polygame Ehen wären darüber hinaus, wenn Sie freiwillig und wissentlich von gleichberechtigten Partnern eingegangen werden, nicht etwa eine Gefahr für unsere Gesellschaft, sondern eine Bereicherung. Denn viele polygame Menschen streben langfristige Beziehungen an, und eines Ihrer immer wieder genannten Motive ist, dass eine neue Liebe doch kein Grund ist, eine frühere Liebe zu beenden, wie man in vielen Büchern, Websites, Blogs und Artikeln wie von Henryk Broder (schon 1997 im Spiegel) lesen kann. Ist das nicht besser, als die bei uns übliche serielle Monogamie mit all Ihren negativen Folgen für unsere Gesellschaft: Trennungen, Scheidungen, emotionale Belastungen für die Partner und die Kinder mit oftmals lebenslang bleibenden Nachwirkungen, finanzielle Lasten etc?

Herr Rösler, machen Sie ihr Versprechen wahr, haben Sie Mut zur Freiheit. Geben Sie uns Ehefreiheit!

 

Notice: This article can also be found in a translated english version on my english-language website viktor-leberecht.com. How i do my translations.
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Über Viktor Leberecht 131 Artikel
Viktor Leberecht ist mein Pseudonym für meine Arbeit als freier Autor. Ich bin studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Ich lebe seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau. Ich schreibe über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Ich setze mich für Mehrfachbeziehungen im Rahmen der Menschenrechte ein, also natürlich gleiches Recht für alle.

4 Kommentare

  1. Ich gebe nicht viel auf Rösler. Wir wissen doch, was die FDP meint wenn sie „Freiheit“ sagt -es immer die Wirtschaftsfreiheit gemeint. Das liberale Prinzip beschränkt sich auf den Handel und der Rest ist Show.

    • Es wäre natürlich hochnotpeinlich, wenn sich die Vorwürfe als wahr erwiesen, aber vorerst sind es unbewiesene Vorwürfe, da gilt in Deutschland eigentlich die Unschuldsvermutung. Aber selbst wenn sie wahr sind, ändert das nichts an meiner Forderung an Rösler und die FDP, unter Freiheit mehr zu verstehen und in der Politik durchzusetzen, als Wirtschaftsfreiheit.

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