Monogamie oder Sex at Dawn?

Zwei Studien über Monogamie bei Säugetieren und Primaten erregten kürzlich in den Medien viel Aufsehen, auch weil sie dem Bestseller Sex at Dawn zu widersprechen schienen (siehe Liste der Berichte unter diesem Artikel). Entsprechend gab es auch Anfragen per Facebook und Twitter an Chris Ryan, der mit seiner Frau Cacilda Jethá das Buch Sex at Dawn geschrieben hat, über das ich hier und auf Polygamie ist gut für Sie ausführlich berichtet habe.

Monogamie als Mittel gegen Kindstötung – oder doch nicht?

Zuerst scheint alles klar. Monogamie sei weit verbreitet und habe sich etabliert, weil es für die Männchen der beste Weg sei, die Tötung ihrer Kinder durch eventuelle Nebenbuhler oder Nachfolger in der Partnerschaft zu verhindern, sagt die eine Studie und darauf aufbauende Artikel wie der unten stehende bei NTV.

Die andere Studie sah die Gründe für Monogamie eher darin, dass Weibchen einer Art ein einander feindliches Verhalten entwickeln und die Männchen keine andere Möglichkeit haben, als sich für eine zu entscheiden.  Es zeigt sich, dass die Studien unter Leitung von Christopher Opie und Dieter Lukas zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Auch kritisieren die Leiter der Studien einander, dass die Herangehensweise der jeweils anderen Studie nicht adäquat sei.

All das wunderte mich, da die Wissenschaft, allen voran David Barash, seit Jahren der Meinung ist, dass Monogamie im Tierreich praktisch gar nicht vorkomme. Liest man die Berichte über die Studien genauer, dann findet man, dass von sozialer Monogamie die Rede ist. Gemeint sind Tiere, die als Paare zusammen bleiben, aber heimlich jede Gelegenheit zum Seitensprung nutzen und Kinder mit anderen Partnern zeugen. Klingt sehr menschlich, auch wenn es hier ausdrücklich nur um Tiere geht und nicht um Homo Sapiens.

Also doch Sex at Dawn und Promiskuität?

Ganz sicher kann man sich natürlich nie sein, aber wen es interessiert, der sei auf Chris Ryans Tweets verwiesen, in denen er Zweifel an den Studien äußert. Damit ist er jeweils in der Gesellschaft des Verfassers einer der Studien, die wie gesagt, die jeweils andere Studie in Zweifel ziehen. Ryan weist darauf hin, dass keine der Studien etwas über Bonobos, unsere nächsten Verwandten in der evolutionären Entwicklung sage. Darüber hinaus komme Kindstötung bei Primaten vor allem in Harem-basierten Gruppen vor, nicht bei sozial lebenden wie den Bonobos (und uns).

Zumindest bei Homo Sapiens war das mal so

Besonders gelungen ist ein Artikel in der Zeit, der die beiden Studien gründlich darstellt. Er lässt außerdem Peter Kappeler zu Worte kommen, Professor für Soziobiologie und Anthropologie an der Universität Göttingen und Leiter der Abteilung Verhaltensökonomie und Soziobiologie am Deutschen Primatenzentrum.

Kappeler weist darauf hin, dass Homo Sapiens polygam lebende Vorfahren hatte. Die Gründe für den Übergang zur Monogamie seien letztlich nicht geklärt. Und in Afrika gebe es zum Beispiel keine einzige Ethnie, bei der überhaupt Monogamie vorkomme, sagt Kappeler. „Wer also behauptet, dass Monogamie stets die einzig akzeptable Organisationsform des Menschen gewesen sei, der sollte mal eine Anthropologie-Vorlesung besuchen.“

 

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Viktor Leberecht ist mein Pseudonym für meine Arbeit als freier Autor. Ich bin studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Ich lebe seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau. Ich schreibe über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Ich setze mich für Mehrfachbeziehungen im Rahmen der Menschenrechte ein, also natürlich gleiches Recht für alle.

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