Polygame Weihnacht überall …

Picture of a house as illustration for article Polygamous Christmas
Are they celebrating polygamous Christmas here?

Kennen Sie das deutsche Weihnachtslied „Fröhliche Weihnacht überall…“? Ein schönes Lied mit einer schönen Melodie, und die Zeile „klinget durch die Lüfte froher Schall“ ist ein wunderbares Bild. Ja, die Weihnachtszeit kann eine wunderbare Zeit sein, um intensive Tage mit der Familie zu verbringen, wenn nicht …! Keine Sorge, das wird keiner der üblichen Artikel, dass Weihnachten zu einem reinen Konsumfest verkommen ist; das wissen Sie sowieso. Auch geht es mir nicht darum, dass Weihnachten für die meisten Menschen nichts mehr mit dem spirituellen Gehalt der christlichen Botschaft der Geburt des Erlösers zu tun hat; ich bin kein Theologe.

Interessanter für mein Thema im weiteren Sinne – Liebebeziehungen und Familie – ist die Tatsache, dass laut immer wieder in den Medien zu lesenden Berichten Weihnachten die Zeit mit den meisten Familienstreitigkeiten ist, die oft zu Scheidungen führen. Das liegt laut Sozialwissenschaft daran, dass Weihnachten für viele Paare – abgesehen vom Urlaub, in dem es viel Ablenkung gibt – die einzige Zeit ist, in der sie mehrere Tage hintereinander zusammen verbringen. Das verursacht Stress, und das nach dem ohnehin schon durchlittenen, völlig sinnlosen und oftmals selbst verursachten Vorweihnachts- und Jahresendstress.

So weit, so bekannt. Ein unbekannter Stressfaktor in vielen Beziehungen dürfte jedoch sein, dass viele Menschen zwar Weihnachten mit Ihrer Familie verbringen und Ihren Partner von Herzen lieben, dass sie aber auch noch jemand anderen lieben oder zumindest sexuell begehren, und dies vor ihrem offiziellen Partner verbergen (müssen), statt offen dazu stehen und diesen ebenfalls geliebten Menschen in die Feierlichkeiten einbeziehen zu können.

Das trifft, sofern die natürlich etwas unsicheren statistischen Daten stimmen, auf über 50% der Menschen in Deutschland zu. Dieser bekannte, aber meist „beschwiegene“ Fakt heißt: es besteht eine mehr als 50%-Chance, dass Sie oder ihr Partner oder sogar Sie beide einer der Menschen sind, denen es so geht.

Das ist traurig, weil viele Fremgeher/innen ihren betrogenen Partner lieben, nur eben nicht aufrichtig (sein können). Und das macht es noch trauriger, denn Liebe bedeutet eigentlich, aufrichtig zu sein, sich zeigen zu können, wie man ist, und den anderen Menschen zu nehmen, wie er ist.
Fühlen Sie sich jetzt unwohl, beschleicht Sie ein ungutes Gefühl? Statt sich zu ärgern, sollten Sie weiterlesen, vielleicht kann ich Sie anregen, das Thema neu zu denken.

Es ist verständlich, dass Zweitbeziehungen verheimlicht werden, denn Monogamie ist – trotz Seitensprungagenturen und Swingerclubs – bei uns eine weitgehend unantastbare Regel, und Fremdgehen ist für rund 50% der Deutschen ein Trennungsgrund (Umfrageergebnis). Aber da gleichzeitig über 90% der Menschen in Umfragen angeben, irgendwann in Ihrem Leben fremdgegangen zu sein, macht es durchaus Sinn zu fragen, ob unser Liebes-Modell: „du darfst nicht fremdgehen“ eigentlich für uns geeignet ist.

Nein, ich komme Ihnen jetzt nicht mit den sattsam bekannten, aus biologisch-evolutionärem Halbwissen gespeisten Argumenten für Promiskuität. Ich denke vielmehr, dass es üblicherweise doch so ist, dass man sich für eine Aufgabe, ein Vorhaben, auch für eine Lebensweise, mehr oder weniger bewusst ein Vorbild, ein Modell sucht, nach dem man sich richtet. Und wenn das Modell nicht funktioniert, dann passt man es an oder sucht sich ein neues.

Nur bei Liebesbeziehungen geht das nicht, da stehen wir alle, zumindest in den westlichen Gesellschaften, unter dem Diktat des monogamen Modells, das im christlichen Kulturbereich durch religiöse Vorschriften der Kirchen und Jahrhunderte kultureller Praxis festgeschrieben ist. Und das Modell steht unangreifbar fest, obwohl es, wie wir alle aus Erfahrung wissen und wie es die Statistik bestätigt, schon immer und ständig gebrochen wird. Macht das Sinn?

Sinnvoller, als Menschen zu zwingen, einem offensichtlich nicht der Natur aller Menschen entsprechenden Modell zu folgen und immer wieder zu scheitern – mit den bekannten Folgen: schlechtes Gewissen, gebrochene Herzen, Scheidungen etc. – , wäre doch, ein Modell zu wählen, das den Menschen entspricht. Es sollte ihnen, dem Grundprinzip der Menschenrechte folgend, die Freiheit lassen, so zu sein, wie sie sind, so lange sie anderen Menschen keinen Schaden zufügen.

Und wo wäre der Schaden, wenn Menschen freiwillig und offen und ehrlich mehrere Menschen lieben und dazu stehen dürfen? Hieße das nicht, dass mehr Liebe in der Welt wäre? Ist das nicht letztlich die Botschaft von Weihnachten?

In diesem Sinne wünsche ich mir – und uns allen – dass wir alle eines Tages die durch Freigabe der Polygamie gesellschaftlich und staatlich unterstützte Freiheit erhalten, so viel Liebe zu leben, wie wir empfinden. Ob monogam oder polygam, das sollte jeder selbst nach seinem Empfinden in Abstimmung mit allen direkt Beteiligten selbst entscheiden. Am Ende des Tages ist es die Liebe in all ihren Formen, die ein Leben wirklich lebenswert macht. In diesem Sinne wünsche ich (summen Sie ruhig mal:) „Polygame Weihnacht überall“.

Stand vom 01.01.2011 (Erstmals publiziert am: 24.12.2010)

Notice: This article can also be found in a translated english version on my english-language website viktor-leberecht.com. How i do my translations.
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Über Viktor Leberecht 135 Artikel
Viktor Leberecht ist mein Pseudonym für meine Arbeit als freier Autor. Ich bin studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Ich lebe seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau. Ich schreibe über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Ich setze mich für Mehrfachbeziehungen im Rahmen der Menschenrechte ein, also natürlich gleiches Recht für alle.

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