Polygamie vereinbar mit Demokratie – Studie von Professoren der Université catholique de Louvain

Polygamie wird üblicherweise als altmodische Lebensform dargestellt, die ökonomische Nachteile bringe, Frauen benachteilige und mit einer demokratischen Gesellschaft unvereinbar sei. In einer wissenschaftlichen Studie vom Mai 2012 stellen die Ökonomieprofessoren David de la Croix und Fabio Mariani von der Université catholique de Louvain die These auf, Polygamie in Form der Polygynie sei mit Demokratie vereinbar und könne für Frauen ökonomisch sinnvoll sein.

Professor de la Croix und Professor Mariani bewerten in Ihrer Studie „From Polygyny to Serial Monogamy: a Unified Theory of Marriage Institutions“ die bisherigen Forschungsergebnisse und Theorien, welche Formen das Familienleben der Ur-Menschen hatte, als nicht eindeutig.

Dieses Ergebnis ist wichtig für die heutige politisch-gesellschaftliche Diskussion über polygame Lebensformen, weil Gegner polamorer und polygamer Lebensformen, insbesondere Vertreter christlicher Kirchen, üblicherweise behaupten, dass Menschen von Natur aus monogam seien. Die genaue Gegenposition vertreten beispielsweise Chris Ryan und Cacilda Jethá, die Autoren von „Sex at Dawn„. Sie vertreten, basierend auf umfangreichen wissenschaftlichen Studien, die Meinung, die ursprüngliche Lebensform der Menschen sei offen gelebte Promiskuität, die für die Einzelnen und die Gruppe viele Vorteile mit sich brachte.

Obwohl de la Croix und Mariani den Forschungsstand zur Urform des menschlichen Zusammenlebens als unsicher bewerten, sehen sie es durch genetische Studien als erwiesen an, dass Menschen im Laufe ihrer Entwicklung promiskuitives Sexualverhalten in polygyner Form (=ein Mann, mehrere Frauen) entwickelten. Daraus habe sich schließlich die institutionalisierte polygyne Ehe entwickelte. Polygynie sei für lange Zeit die vorherrschende Lebensform gewesen und sei bei bis heute bestehenden traditionellen Gesellschaften immer noch vorherrschend.

In westlichen Gesellschaften dagegen habe sich über mehrere Stufen und vor allem durch den seit dem Mittelalter vorherrschenden Einfluss der christlichen Kirchen die lebenslange monogame Ehe durchgesetzt. Deren Vorherrschaft wurde später durch Veränderungen der Gesetze zu Ehe und Scheidung aufgeweicht, so dass heute in westlichen Gesellschaften die serielle Monogamie der Normalfall sei.

Ziel der Studie ist, die bisherigen ökonomischen Theorien, weshalb Menschen von polygamen zu monogamen Lebensformen wechselten, zu vereinen. Im Laufe Ihrer Untersuchungen kommen de la Croix und Mariani dabei auch zu dem Schluß, dass polygame Lebensformen in Form der Polygynie sich aufgrund ökonomischer Interessen der Individuen auch in modernen demokratischen Gesellschaften entwickeln können und mit Ihnen vereinbar seien. 1

Die Schlüssigkeit der ökonomischen Modelle und Formeln kann ich nicht beurteilen, und Professor de la Croix schrieb mir in einer Email, dieser Teil der Studie sei sicher nur für Wissenschaftler der theoretischen Ökonomie interessant.

Nichtsdestoweniger ist dies die erste mir bekannte Studie, die mit seriöser ökonomischer Theorie beweist, dass Polygamie für moderne, demokratische Gesellschaften ein sinnvoller Weg sein kann und keineswegs den Interessen der Menschen und insbesondere den Interessen der Frauen zuwider laufen muss.

Ich habe dem nur hinzuzufügen, dass die Studie sich vor allem auf polygyne Beziehungen konzentriert (= ein Mann mit mehreren Frauen) und deshalb nicht berücksichtigt, dass in der heutigen Poly-Bewegung immer öfter Frauen mehrere Männer haben, ebenso wie die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher oder bisexueller Poly-Beziehungen, wie ich sie in diesem Artikel darstelle. Ich halte jede Art von freiwillig und mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten eingegangene Mehrfach-Beziehung unter erwachsenen Menschen für mit freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnungen für vereinbar: Thesen zu Polygamie und Monogamie.

Was denken Sie? Schreiben Sie einen Kommentar. Last updated: Oktober 17, 2016 at 16:03 pm © Viktor Leberecht. Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved. Sie dürfen diese Seite gerne über Soziale Netwerke, Email etc. teilen.

 

Die Studie „From Polygyny to Serial Monogamy: a Unified Theory of Marriage Institutions“ finden Sie als Download auf der Webseite der Universität sowie der persönlichen Webseite von Professor de la Croix.

Professor David de la Croix und Professor Fabio Mariani lehren an der Université catholique de Louvain, hier finden Sie Informationen zur Université catholique de Louvain auf Wikipedia.

Informationen zu Professor de la Croix finden Sie im Verzeichnis der Dozenten der Universität sowie auf seiner persönlichen Homepage.

Informationen zu Professor Mariani finden Sie im Verzeichnis der Dozenten der Universität sowie auf seiner persönlichen Webseite bei Google.

Notice: This article can also be found in a translated english version on my english-language website viktor-leberecht.com. How i do my translations.
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  1. Professor de la Croix wies in einer Email an mich darauf hin, dass es ihm und Professor Mariani keineswegs darum ging, die Polygamie oder eine andere bestimmte Form der Ehe als besonders geeignet darzustellen.
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Viktor Leberecht ist mein Pseudonym für meine Arbeit als freier Autor. Ich bin studierter Historiker, sowie ausgebildeter und berufserfahrener Journalist. Ich lebe seit 2003 in einer polyamoren Beziehung mit einer verheirateten Frau. Ich schreibe über Polyamorie und deren eheliche Form, die Polygamie, um zu informieren, Vorurteile zu entkräften und für gesellschaftliche Akzeptanz der Polyamorie und Polygamie zu werben. Ich setze mich für Mehrfachbeziehungen im Rahmen der Menschenrechte ein, also natürlich gleiches Recht für alle.

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