Meine Liebste, Véronique, und ich wurden für das Polyamorie-Buch Wie wir lieben von Friedemann Karig interviewt. Auf meine deshalb etwas parteiische Rezension hatte ich hier bereits hingewiesen.

Mit freundlicher Genehmigung von Friedemann Karig und des Aufbau-Verlags darf ich das Interview aus Wie wir lieben hier veröffentlichen.

Viktor & Veronique

An einem grauen Wintertag im Jahr 2003 hat Viktor Leberecht genug von der Enthaltsamkeit. Er ist 37 Jahre alt. Er will eine Frau.

Fürs Bett. Erstmal nur als Affäre.

»Ich wollte keine Beziehung. Ich wollte Sex.«

Also schreibt Leberecht eine Kontaktanzeige in einer lokalen Zeitung.

Was will ich denn, fragt er sich, worum geht es mir?

»Ausgedehnte Lustspiele«, lautet die fett gedruckte Überschrift der Anzeige.

»Ich dachte mir: Mit diesen zwei Worten musst du sie kriegen.

Und klarmachen, was du willst.«

Zehn, fünfzehn Minuten Sex?

»Da kann man es auch gleich bleiben lassen.«

Zwei, drei Stunden, so etwas stellt er sich vor. Sich in Ruhe kennenlernen. Entdecken. Genießen. Er wartet auf Antworten.

Veronique ist verheiratet. Ihre zwei Söhne sind Teenager. Für sie ist klar: »Ich liebe meinen Mann. Ich werde ihn und unsere Kinder auf keinen Fall verlassen.«

Aber ihr Mann ist dreißig Jahre älter als sie. Und sie ist mit 42 noch lange nicht alt. Sie sucht also, was sie bei ihm nicht mehr bekommt: Sex. Nicht mehr, nicht weniger.

»Der übliche Weg, den Partner zu hintergehen, mit Betrügen und Lügen und Geheimnissen, kam für mich absolut nicht in Frage. Das kann mal passieren. Aber es ist keine Lösung.

Sie spricht mit ihrem Mann darüber. Sie fragt ihn: »Kann ich dieses Problem – rein sexuell – nicht lösen? Ohne unsere Beziehung zu gefährden?«

Er ist einverstanden. Vertraut ihr. Fordert keine täglichen Berichte. Also geht sie auf die Suche. Es ist ihr unangenehm, anfangs. Wo findet man Sex? In einer Bar? Sie ist schön, sieht jünger aus als 42, hat mehr als genug Ausstrahlung, um Männer zu fesseln. Aber sich mit einem Glas Wein an irgendeinen Tresen setzen und warten, bis sie einer anspricht? »Nicht mein Ding.«

Sie schaut in Zeitungen, im Internet. Sie schreibt gewissen Kandidaten. Aber es kommt nie zu Treffen. Irgend etwas fehlt immer, passt nicht.

»Ich kam mir bescheuert vor. Wie kann es sein, dass ich als Frau Sex will und es nicht hinkriege?«

Sie findet jemanden, es läuft was, ab und zu, aber das ist ihr zu sporadisch. Sie ist kurz davor, das ganze wieder sein zu lassen.

»Ich wusste: Ich muss etwas ändern.«

Dann liest sie Viktors Anzeige. Ausgedehnte Lustspiele. Das gefällt ihr. Sie telefonieren.

Sie sagt zu ihm: »Wir sollten uns besser nicht treffen.« Er fragt:

»Wieso?«

»Weil du Single bist. Und ich verheiratet.«

»Ja und?«

»Das ist nicht fair. Ich kann nicht mehr anbieten als Sex.«

»Das ist völlig okay. Lass das mal meine Sorge sein.«

Sie treffen sich. In einem Café, ganz klassisch. Der große, schlanke Mann mit den freundlichen, wachen Augen und der markanten Glatze gefällt Veronique. Da ist etwas, merken beide, sofort, vom ersten Moment an. Wann macht er endlich einen Schritt, denkt Veronique. Was für eine schöne Frau, denkt Viktor.

Dann nimmt er ihre Hand.

»Viel zu lange hat das gedauert«, sind sie sich einig.

Sie gehen zu ihm. »Vom Café ins Bett. Und so begann das Ganze.« Sie schlafen miteinander. Es ist genau das, was beide gesucht haben. Keine schnelle Befriedigung. Sondern Konzentration aufeinander. Ruhe. Hingabe.

Ab sofort sehen sie sich einmal die Woche. Beschränken sich auf das Sexuelle. Und verstehen sich doch immer besser, auch außerhalb des Betts.

Viktor überlegt: Lasse ich mich darauf ein? Ohne dass die geringste Aussicht besteht, dass ich auf Dauer mit ihr »zusammen sein« kann? »Ich war ja wie wir alle geprägt von dem einen Modell: Man ist mit jemandem zusammen. Und zwar ausschließlich.« Ein halbes Jahr lang geht die Affäre.

»Mit keiner Frau«, sagt Viktor, »die ich in meinem Leben getroffen habe, habe ich mich so gut verstanden wie mit ihr. Nicht nur im Bett, sondern auch auf allen anderen Ebenen.« Viktor ist glücklich: Was für eine Frau! Veronique ist glücklich. Es ist das, was sie suchte.

Viktor verreist allein, sitzt in seinem Hotelzimmer. Er denkt über Veronique nach. Über diese Frau, die ihn fasziniert. Die er begehrt. Auf einmal breitet sich ein strahlendes Lächeln in seinem Gesicht aus. Er denkt: »Oh! Ich empfinde viel mehr für diese Frau als sexuelles Begehren. Aber …«, er zögert, »was mache ich denn jetzt mit diesem Gefühl?«

Ist das schon Liebe? »Ja, ich war verliebt«, sagt Viktor.

Als sie sich das nächste Mal sehen, sagt er ihr: »Ich liebe dich.«

Veronique wird deutlich: »Du darfst tun, was du willst. Aber ich will meine Ehe nicht gefährden. Was kann ich dir schon geben? Was kann ich dir verbieten? Dir gegenüber ist es einfach unfair. Und solltest du jemals versuchen, mich von meinem Mann wegzubringen, dann bin ich weg.«

Sie schauen sich an. »Was machen wir jetzt?«, fragen beide. Keiner weiß eine Antwort.

Eine Weile läuft es so weiter. Aber auch Veronique spürt: Da ist mehr. Viel mehr. Dieser Mann ist etwas Besonderes. Ich will ihn öfters sehen. Aber reicht das? Geht das? Viktor, der Junggeselle, der nur Sex wollte, sagt sich: »Ich mache das jetzt. Ich will diese Frau. Egal, was passiert.«

Eifersüchtig auf ihren Mann ist er nicht. Er versteht sich als »der Neue«. Wenn, dann ist der Ehemann höchstens auf ihn eifersüchtig.

Sie handeln aus, erst zu zweit, wie das funktionieren kann. Mehr voneinander haben. Sich öfter sehen. Noch näher kommen. Ohne die Konstellation zu sprengen. Also zum Beispiel: Wie viel Zeit verbringen wir miteinander?

»Anfangs haben wir uns einmal die Woche getroffen, für ein paar Stunden. Aber ich wollte eben mehr von ihr haben«, sagt Viktor.

Sie spricht mit ihrem Mann. Er merkt, wie gut es ihr damit geht, und er lässt sich darauf ein: zweimal die Woche, mit Übernachten. Nicht mehr, nicht weniger.

»Ich hätte sie gern öfter gesehen«, sagt Viktor, »aber so war die Konstellation nun mal. Ganz kurz tauchte auch das Gefühl auf: Ich will sie für mich allein. Der andere muss weg. Aber dann habe ich schnell gemerkt: das muss gar nicht sein.«

Viktor horcht in sich hinein. Schreit da ein Egoist, dass er der einzige sein will? Oder ist eine andere, ruhigere, reifere Stimme doch lauter?

»Mein Herz sagte mir: Ich bin völlig zufrieden. Wenn sie noch jemanden neben mir gehabt hätte, wäre ich eifersüchtig geworden. Das wäre Konkurrenz gewesen. Aber ihr Mann – der war ihr Mann.«

Viktor versucht, diese vermeintlichen Widersprüchlichkeiten zu ergründen. Ist das ein Verzicht, der mir schadet? Liegt ein Mangel an Selbstwertgefühl dahinter? Verdiene ich das nicht?

Andererseits: Auch mal für sich sein, seine Ruhe, die braucht er. Die ganze Zeit jemanden um sich, das wäre nichts. Eigentlich ist doch dann alles perfekt?

Veronique übernachtet jetzt auch bei ihm. Ihr Mann, ein offener Typ, der in der Welt herumgekommen ist, »früher kein Kind von Traurigkeit«, wie sie sagt, akzeptiert das Arrangement.

»Erst musste er kämpfen«, sagt sie. Weil er sich Sorgen machte, wohin das führt. Aber er will seiner Frau die Lust nicht versagen. Er vertraut Veronique, die »ein sehr verlässlicher Typ« ist, so Viktor. Das einzige Tabu: Viktor darf nicht zu ihnen nach Hause. Jedes Arrangement hat Grenzen.

»Wir sind ja alle drei mit der hier üblichen Vorstellung aufgewachsen, dass es niemand anderen neben dem Partner gibt«, sagt Viktor. »Aber das Leben spielt eben anders.«

Und da sind noch die zwei Söhne, zwei Teenager, die irgendwann fragen werden: Wo ist die Mama eigentlich zweimal die Woche?

Bevor es so weit kommt, bevor auch nur die geringste Unsicherheit entsteht, beschließt Veronique gemeinsam mit ihrem Mann, den Jungs von Viktor zu erzählen. Weil sie ihnen nicht das Gefühl geben möchten, die Ehe oder gar die Familie an sich seien instabil. Weil sie es auch nicht ist. Vielleicht, denkt sie, ist sie stabiler denn je.

»Da gibt es noch jemand anderen«, sagen sie, »aber wir bleiben zusammen. Es geht nur um Sex. An unserer Familie ändert sich nichts.«

Wie so oft verstehen die Kinder mehr, als die Erwachsenen ihnen erst zutrauen. Die Söhne sind einverstanden, Viktor, der ein neuer Teil der Familie ist, ohne wirklich dazuzugehören, kennenzulernen.

»Es sollte kein Geheimnis geben«, sagt Veronique, »keine offenen Fragen«.

Viktor ist nervös. Es ist nicht einfach. Der ältere Sohn mag ihn nicht, »der war sowas von geladen, der wollte am liebsten einen Streit mit mir anfangen«, sagt Viktor. »Der hat mich als Rivalen seines Vaters und seiner selbst gesehen.«

Veronique baut darauf, dass sich das gibt. Sie will nicht alles haarklein erklären. »Jeder hat sein Leben«, sagt sie, »und meine Söhne verstehen das auch.«

Viktor, wie es seine Art ist, bleibt ruhig. Und bald nach dem ersten Treffen ist er auch von den zwei kleinen Männern in Veroniques Leben akzeptiert.

Und noch etwas nähert sich an: Die zwei Männer, die sich friedlich eine Frau teilen, werden neugierig aufeinander. »Sie hat mir so viele Geschichten von ihm erzählt«, sagt Viktor, »dass ich dachte: das muss ein ungeheuer interessanter Mann sein. Den würde ich zu gerne mal kennenlernen.«

Erst lassen sich die zwei Männer durch sie grüßen, aus der Ferne. Nach drei Jahren »Fernbeziehung« treffen sie sich schließlich.

»Zu meiner Überraschung«, lacht Veronique, »verstanden sie sich sofort.«

»Wir haben gleich über Stunden miteinander geredet«, sagt Viktor. »Ich habe gemerkt: der mag mich. Alles ist entspannt.«

Veronique ist froh. Sie fühlt sich nicht zurückgesetzt. Sie ist dankbar.

Zu einem runden Geburtstag von Veroniques Mann ist Viktor eingeladen. Freunde und Familie wissen von ihrem Verhältnis.

»Wir haben das nie so betont. Und es gab auch nie Widerspruch.«

Doch Veronique hadert auch manchmal noch mit sich. »Ich verhindere ja eine neue Beziehung für Viktor, eine mit einer ganz freien Frau.« Sie alle müssen sich daran gewöhnen, von nun an zu dritt zu sein.

»Es waren schwierige Jahre, manchmal. Wir sind alle drei überhaupt nicht so sozialisiert. Wir mussten damit auch kämpfen.«

Wie das gehen kann? Alle sind sich einig: Nur mit Reden. Immer wieder miteinander offen reden. Es ist der einzige Weg.

Aber Viktor merkt immer mehr, wie schwierig es ist, etwas zu leben, was keinen gesellschaftlichen Rückhalt hat.

»Man fragt sich: Mit wem kann ich überhaupt darüber reden?«

Er fühlt sich manchmal allein mit seinen Fragen. Niemand aus seinem Umfeld lehnt das Modell ab. Aber niemand spricht ihm zu. Niemand hat Erfahrungen.

»Mach, was dich glücklich macht. Aber für mich wäre das nix«, sagen seine Freunde. »Daran hatte ich zu knabbern.«

Also beginnt er, »ganz der brave Akademiker«, zu recherchieren. Liest Artikel und Bücher. Und findet das Konzept, das sie schon längst leben: Polyamorie.

»Endlich hatte ich einen Namen für das, was wir hier versuchen. Was uns glücklich macht. Polyamorie wird in unserer Gesellschaft häufig als Bindungsangst interpretiert. In den USA ist das schon anders. Es stimmt auch eher das Gegenteil: wir leben eine sehr intensive Beziehung. Damit kann ich mich identifizieren.«

Genau wie die Polyamoren in den Büchern ist Viktor  getrieben von dem Wunsch nach Ehrlichkeit, Offenheit. Danach, sich das Modell nach den eigenen Wünschen zu formen, und nicht die Wünsche an ein tradiertes Modell anzupassen. »Will ich einen Menschen wirklich kennenlernen? Oder lieber meine Idealvorstellung, zum Beispiel von einer süßen, unschuldigen Frau, bewahren?«

Eine Liebe, die nicht auch solche Grenzen und Risiken auskundschaftete, wäre für ihn nichts. Im Gegenzug der Druck, den einen Seelenpartner finden zu müssen, und nur den? Das hält er für die totale Überforderung. »Dieses Liebesideal kommt aus der romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Eigentlich sind wir promiskuitive Wesen. Und nach meinen Recherchen erlauben achtzig Prozent aller Gesellschaften tatsächlich Mehrfachbeziehungen«, sagt Viktor, »ob das Polygamie oder Polyamorie oder was auch immer ist.«

Auch wehrt er sich gegen das chauvinistische Klischee, dass in offenen Beziehungen immer Männer die Schürzenjäger seien, Frauen sich ins Harem einzuordnen hätten.

»Was mich am allermeisten erstaunt hat: In Afrika ist es teilweise ganz normal, dass Frauen, die mit einem Mann verheiratet sind, nebenher noch Liebhaber haben. Die müssen sich nicht verstecken. Wieso eigentlich bei uns nicht?«

Er wird immer neugieriger auf die Geschichte, die Theorie hinter den offeneren Beziehungen. Er gibt sich den Namen »Viktor Leberecht«, um darüber im Netz zu schreiben, auf viktor-leberecht.de und Polygamie-ist-gut-fuer-sie.de. Er wird in der kleinen Szene der deutschen Polyamoristen bekannt, so bekannt, dass andere auf ihn aufmerksam werden.

Vor vier Jahren sitzt Viktor in einem großen dunklen Raum, an einem runden Tisch. Nur er und die anderen Menschen am Tisch sind beleuchtet. Im Dunkeln sitzen dutzende Zuschauer, hinter den Kameras tummelt sich das Team. Neben ihm sitzen die DJ-Legende Marusha, der Rapper Curse, der Skandal-Regisseur Uwe Boll und die Pornodarstellerin Jana B., dazu die Gastgeber: Charlotte Roche und Jan Böhmermann.

Als diese Folge der ZDFkultur-Talkshow »Roche und Böhmermann« beginnt, ist Viktor nervös. Aber er weiß auch, dass er überzeugt ist von dem, worüber er gleich sprechen wird. Darüber, wie er lebt. Wie man leben kann. Wie man lieben kann. Und darf. Dass das klassische Modell meist mit Lüge und Betrug einhergeht. Dass Polyamoristen keine sexsüchtigen Perversen sind. Dass Polyamorie legalisiert werden sollte.

»Bei der Polyamorie wissen alle voneinander, was sie tun. Also nicht die Seehofer-Nummer«, sagt er, als er an der Reihe ist. Kurz vorher war bekannt geworden, dass Horst Seehofer jahrelang eine Freundin neben seiner Ehe hatte. »Er hätte sich eigentlich an die

Spitze der Polyamorie-Bewegung setzen sollen, nicht ich.«

Für Viktor ist das Verbot der Vielehe eine »unnötige Einschränkung der Grundrechte«. Dagegen zu kämpfen, ist jetzt seine Mission. Auf seiner Seite im Netz steht: »Ich setze mich dafür ein, dass die freie Wahl der Form von Ehe und Familie als Menschenrecht anerkannt, und die freiwillig und wissentlich eingegangene Polygamie als Eheform legalisiert wird. Ich bin kein Mormone und gehöre auch sonst keiner Religion oder weltanschaulichen Gruppe an.«

Was in einer liberalen Gesellschaft des dritten Jahrtausends klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist für öffentliche Figuren wie Viktor ein dickes Brett. Selbst in der Runde um Charlotte Roche und Jan Böhmermann schlägt ihm Unverständnis entgegen, Ratlosigkeit, geistige Unbeweglichkeit, Fragen wie: Ob denn jetzt immer alle miteinander wild rumvögeln müssten? Ob denn alle einverstanden sein müssten, bevor sie Sex haben?

Dass es Viktor um simple Gleichberechtigung geht, versteht niemand. Für die Menschen in der Runde, obwohl sie sich alle als Künstler begreifen, scheint er wenig mehr als ein komischer Vogel. Der Vertreter der nächsten nervigen Minderheit, die für ihre seltsame Lebensart irgendwelche Rechte und Anerkennung haben will. Schlimmstenfalls verrückt, bestenfalls harmlos. Aber nicht wirklich interessant. Nach einigen Minuten wechselt das Thema. Viktor sitzt bis zum Ende der Sendung stumm dabei.

Viele Menschen, die polyamor leben, glaubt Viktor, hielten sich genau deshalb zurück. Aus Angst vor den ewig gleichen Vorurteilen, dass sie ja nur viel und wahllos Sex haben wollten (im Gegensatz zu den anderen, die ja ach so keusch sind). Dass sie sich mal nicht so wichtig nehmen sollen.

»Ich bekomme online viele Fragen, und ab und zu auch Hasskommentare. Für viele Menschen sind wir sexuell Perverse. Jedenfalls stimmt etwas mit uns nicht.«

Auch Veronique hat die Bücher gelesen und ist froh, dass auch dank der Literatur, die die Monogamie in Frage stellt, langsam Konsens wird, »dass Frauen keine Huren sind, wenn sie ihre Sexualität ausleben wollen.« Dennoch ist die Unwissenheit groß, und daraus folgt immer erst einmal Ablehnung. Offenere Beziehungen gelten als inkonsequent, instabil, nicht »das Wahre«. Dabei sind Polyamore, findet Viktor heraus, laut einer Studie im Schnitt länger zusammen als monogame Paare. Und ihr Modell im Kern eigentlich nichts allzu Besonderes. »Was für polygam lebende Menschen selbstverständlich ist,« sagt Veronique, »also über alles, besonders über die schwierigen Sachen, offen zu reden, weil es sonst nicht funktionieren würde, das empfehlen Paartherapeuten exakt doch genauso auch monogamen Paaren.« Am Ende ist »Polyamorie nicht unbedingt besser«, sagt Veronique. »Monogamie kann auch toll sein.« Aber sie will selbst bestimmen, wie sie lebt.

Bei ihnen ist nicht alles einfach. Auch Viktor und Veronique haben Themen, die unangenehm sind. Sex mit anderen zum Beispiel.

Veronique drängt ihn, immer wieder: »Triff dich doch noch mit anderen. Du kannst und du sollst und du darfst.« Es ist doch nur fair, denkt sie. Ich will ihn nicht blockieren. »Such dein Glück«, sagt sie.

»Einerseits hatte ich ja noch Zeit übrig«, sagt Viktor, »aber andererseits fühlte ich mich sexuell wie emotional befriedigt.«

Wozu noch eine Frau? Konnte es besser werden? Oder eher komplizierter?

Eher zufällig schreibt ihm eine Frau über ein Profil, das er noch im Netz hat. Zwei Wochen später findet Veronique ein blondes langes Haar bei Viktor. Erst denkt sie: Das kann ja nicht sein.

Aber dann berichtet Viktor ihr: »Ja, es gibt da eine andere.«

In Veronique kämpfen zwei Gefühle. Sie will ihm die Freiheit geben. Aber die Eifersucht ist auch da. Das war doch inzwischen auch ihr Mann? Wollte sie ihn wirklich teilen? Wer will sie sein? Für ihn? Die Eine?

»Eifersucht ist etwas sehr Negatives für mich, wie Geiz«, sagt sie. »Es geht immer um die Angst: Bin ich nicht genug? Was habe ich nicht? Verlässt er mich wegen ihr? Manche behaupten, Eifersucht wäre ein Zeichen für Liebe. Das stimmt nicht. Es ist nur ein Zeichen von Angst.«

Viktor beruhigt sie. »Dieses Mal, mit der anderen, ist es wirklich nur Sex«, sagt er.

Veronique will sie kennenlernen. Die zwei Frauen verstehen sich. »Die ist doch gar nicht dein Typ«, sagt Veronique zu Viktor.

Aber die Blonde will mehr. Viktor nicht. Veronique und Viktor lernen aus dieser Erfahrung: Wir sind stark genug. Nicht obwohl, sondern gerade weil wir auch Eifersucht kennen.

»Man darf eifersüchtig sein. Man darf reagieren, wie man eben reagiert. Dadurch kommt man erst an den Kern der Gefühle«, sagt Veronique.

»Wir haben beide auch gelernt, sich nicht mehr so sehr zurückzunehmen. Sondern zu sagen: Das will ich und das nicht. Schubladen können zu eng sein. Dann muss man raus«, sagt Viktor.

Seit drei Jahren sehen sie ihre Beziehung beiderseits als »offen« an. Viktor hat keine Angst mehr, dass Veronique mit einem dritten Sex haben könnte oder sogar mehr. »Das hat sich gegeben«, sagt er. Im Gegenteil. Die Vorstellung, dass Veronique mit einem anderen zusammen ist, erregt ihn.

»Aber ich hatte, genau wie sie, auch Angst. Dass sie bei einem anderen irgendetwas besser findet. Wie er sie küsst, wie er sie vögelt, irgendwas.«

Zusammen trauen sie sich. Gehen in Swinger-Clubs. Leben sich aus.

Viktor versteht: »Ich finde diese Frau einfach toll. Die macht das einfach. Es war einfach nur geil und schön. Zu meiner Überraschung: Kein bisschen Verlustangst.«

Beide dürfen, was immer sie wollen. »Aber ich bin kein großer Casanova«, sagt Viktor. »Ich habe eigentlich alles.«

Seit über zehn Jahren sind sie jetzt glücklich zu zweit. Und irgendwie auch zu dritt. Sie fahren sogar gemeinsam in Urlaub, mit Veroniques Mann. Vier Wochen. Wird das gut gehen? Bei wem Veronique schläft, wird vorher verhandelt. Aber es ist grundsätzlich Veroniques und Viktors Urlaub, ihr Mann kommt nur mit. Diese Priorität zu klären ist sehr wichtig.

»Dadurch war es genau so unbeschwert wie immer«, sagt Viktor. »Wir hatten einen Riesenspaß. Nach anderen Urlauben mit Freunden hatten wir es beide schon erlebt, dass man nicht mehr miteinander reden konnte. Bei uns ist alles gut.«

Und manchmal machen sie sogar etwas mit einem der Söhne. Die auch längst akzeptiert haben, dass es ihren Eltern genau so gut geht, wie sie leben.

Ein Happy End? Wenn Liebe ein Happy End haben könnte, vielleicht. Veronique und Viktor sind nicht mehr ganz jung. Irgendwann könnte jemand krank werden. Durch zwei gesundheitliche Krisen sind sie zusammen gegangen. »Aber ich weiß nicht, wie lange ich das mitmachen könnte«, sagt Veronique.

Und irgendwann wird Veroniques Mann sterben. Was dann passiert, wissen sie noch nicht. Vielleicht will sie um die Welt reisen, allein. Vielleicht wird es einem von beiden zu viel. Zusammen leben ist etwas anderes. Man kann es nicht wissen.

»Heimliche Affären leben oft von der Zukunft: Bald lasse ich mich scheiden, und dann sind wir für immer zusammen.« Veronique will das nicht. »Unsere Gedanken sind nur im Hier und Jetzt. Hier und jetzt muss man zufrieden sein.«

Nur eines weiß Viktor sicher: »Ich will bis an mein Lebensende mit ihr zusammen sein. Egal, wie.«

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Last updated: März 4, 2017 at 21:35 pm

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